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Treffen der Familie Mylius im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums der Villa Vigoni

Der Höhepunkt des Jahres 2016 war für die Familie Mylius das vom 1.-3. Oktober stattfindende Familientreffen in der Villa Mylius-Vigoni am Comer See. Frau Dr. Maria Buchbach, eine Enkelin des in Niederschlema ansässigen Arztes und Familienforschers Dr. Curt Mylius, hatte während eines Besuchs am Comer See schon im Frühjahr 2015 den Kontakt mit dem Deutsch-Italienischen Zentrum für Europäische Exzellenz Villa Vigoni hergestellt und so erhielten wir die einmalige Gelegenheit, sich im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums dieses Zentrums in den Räumen der Villa zu treffen. Mit der Unterstützung von Frau Dott.ssa Caterina Sala Vitale, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Villa Vigoni tätig ist, wurde ein Programm zusammengestellt, das unter den Familienmitgliedern großes Interesse weckte und so kamen am Nachmittag des 1. Oktober 2016 65  Teilnehmer aus 7 europäischen Ländern in der Villa Vigoni zusammen. Die herrlich gelegene und von einem Park mit altem Baumbestand umgebene Villa liegt in Loveno bei Menaggio am Hang über dem Comer See und bietet einen großartigen Ausblick (s. auch die Homepage der Vialla Vigoni www.villavigoni.it/index.php)

Heinrich Mylius

Das Anwesen geht auf den aus Frankfurt stammenden Heinrich Mylius (1769 – 1854), ein Mitglied der Familie Mylius aus Ansbach zurück, der sich als junger Mann in Mailand niedergelassen hatte, später ein erfolgreicher Bankier, Kaufmann und Textilfabrikant  war und es trotz Rückschlägen zu einem Vermögen brachte. Zu den Einzelheiten seiner Biographie siehe „Geschichte der Familien  Mylius Schleiz und Mylius Ansbach 1375 – 1990“. Heinrich erwarb die Villa in Loveno am Comer See als Sommerresidenz und legte eine wertvolle Kunstsammlung an, die bis heute erhalten ist. Hier empfing Heinrich zusammen mit seiner aus Weimar stammenden Frau Friederike Schnauss (1771 – 1851) italienischen und deutschen Schriftsteller und Künstler und unterstützte einige von ihnen als Mäzen. Zu Goethe sowie zum Weimarer Hof pflegte er einen engen brieflichen Kontakt. Der Tod des einzigen Sohnes Julius (Giulio) Mylius, für den heinrich sein Unternehmen aufgebaut hatte und in den er große Hoffnung gesetzt hatte, brachte eine Wende im Leben von Heinrich und Friederike. Der Park der Villa wurde nun von hochrangigen Künstlern wie z.B. Bertel Thorwaldsen zur Gedenkstätte für Giulio umgestaltet. Heinrich wendete sich zunehmend karitativen Zwecken zu und spendete große Summen in seiner Vaterstadt Frankfurt und in Mailand, doch auch in Loveno für verschiedene Projekte in Bildung, Infrastruktur, Kunst und Wissenschaft. Giulio hatte kurz vor seinem Tod Luigia Vitali geheiratet, die nun als junge Witwe wie eine Tochter von den Schwiegereltern aufgenommen wurde und später in zweiter Ehe Ignazio Vigoni (1808 – 1860) heiratete. Die Familie Vigoni war Besitzerin der Villa bis 1983, als ihr letztes Mitglied Ignazio Vigoni starb und das Anwesen der Bundesrepublik Deutschland mit der Maßgabe vermachte, dort ein Zentrum zur Förderung der kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien zu schaffen. Der zu diesem Zweck gegründete Verein feierte 2016 sein 30jähriges Bestehen.

 

Veranstaltung am 1. und 2. Oktober 2016

                                                                                                                                                                                                                                                                                           

Die Generalsekretärin der Villa Vigoni, Frau Prof. Dr. Immacolata Amodeo eröffnete im Statuensaal den Abend mit einem Grußwort, in dem sie ihre Einrichtung vorstellte und die Gäste willkommen hieß. Danach begrüßte Frau Dr. Ulrike Mylius-Fauler zusammen mit den Mitorganisatoren des Treffens  Frau Dr. Maria Buchbach und Dr. Martin Möllhoff-Mylius die Familienmitglieder, die aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Großbritannien, Norwegen und Finnland im wahrsten Sinne zu einem Europäisches Treffen zusammengekommen waren. Am anschließenden feierlichen Abendessen nahmen neben der Generasäkretärin Frau Prof. Amodeo auch Frau Caterina Sala Vitale und Giovanni Meda Riquier, der Archivar und Custos der Kunstsammlungen der Villa Vigoni teil.

Wissenschaftliche Vorträge

Am darauffolgenden Sonntagvormittag kam man nach einem gemeinsamen Frühstück in den Räumen der Villa im modern ausgestatteten Vortragssaal zusammen. Giovanni Meda Riquier hielt in italienischer Sprache – die Teilnehmer erhielten eine schriftliche Übersetzung in Deutsch – einen Vortrag mit dem Titel „Die Familie Mylius Vigoni in zwei Jahrhunderten europäischer Geschichte“ und ging dabei der Frage nach, welche Berührung es zwischen der großen Historie Italiens und Deutschlands in den letzten 200 Jahren und der einzigartigen Geschichte dieser deutschen Familie in Italien gab. Über die Motive von Heinrich Mylius, sich in Mailand niederzulassen und dort zu bleiben, sagte Giovanni Meda Riquier: …“Ein Beweggrund […] ist unübersehbar: Das Bewusstsein, eine klar definierte Rolle innezuhaben, eine präzise Aufgabe zu erfüllen, und das Gefühl, Teil eines bedeutsamen historischen Moments zu sein, zu dessen Gelingen man entschieden seinen eigenen Beitrag leisten möchte“. Heinrich Mylius definierte seinen Begriff von Fortschritt folgendermaßen: „Möge unser gemeinsames Werk […] immer besser den Zweck erfüllen, zu dem es geschaffen wurde. Das Gemeinwohl zu fördern und Zustimmung und Anerkennung all der Menschen zu vereinen, die das Schöne, das Nützliche und das Aufrichtige lieben.“ Heinrich fand Heinrich in Mailand eine Umgebung vor, die es ihm ermöglichte, sein Talent zur Geltung zu bringen. Er wurde einer der erfolgreichsten lombardischen Unternehmer und Kulturvermittler des 19. Jahrhunderts. Giovanni Meda ging im Folgenden auf die Verbindungen zwischen Heinrich Mylius und Alessandro Manzoni, dem berühmten romantischen Mailänder Schriftsteller oder Carlo Cattaneo, einem der glänzendsten politischen Denker des 19. Jahrhunderts in Italien und in Europa ein. Durch Heinrichs Ehefrau Friederike Schnauss, die in Weimar geboren wurde, bestand eine Verbindung nach Weimar. Außerdem war Heinrichs Onkel Georg Melchior Kraus Direktor der Weimarer herzoglichen Zeichenschule. So lerne Mylius im Umfeld des Weimarer Hofs den Philosophen und Pastor Johann Gottfried Herder kennen, der das Ehepaar traute und so kam er auch in Kontakt mit Goethe, zu dem sich eine dauerhafte Freundschaft entwickelte. In den 1840er Jahren gründete Mylius die erste technische Bildungseinrichtung in Italien überhaupt, die heute noch bestehende SIAM (Società die Incorragiamento Arti e Mestieri). „Grundlage dafür“, so Giovanni Meda, „ist die entschiedene Überzeugung, dass die technisch-naturwissenschaftliche Ausbildung und im Allgemeinen Bildung und Kultur zusammen mit Arbeit, gepaart mit der Ethik des Unternehmertums die Säulen für Fortschritt und solide Entwicklung bilden.“

Heinrich verstarb bekanntlich ohne direkten Erben, da sein Sohn Giulio früh verstorben war. Die geschäftlichen Aktivitäten konnte durch die beiden Großneffen Giulio und Federico Enrico nicht mit gleichem Erfolg fortgeführt werden, teils durch geschäftliche Fehlentscheidungen, teils dadurch, dass sie ihre eigene Rolle im Rahmen einer allgemeineren Zukunftsvision nicht fanden. Trotz seines Engagements für die Kunst spielte diese für Federico Enrico nicht mehr dieselbe notwendige Rolle für die Entwicklung von Zukunftsentwürfen, sondern war eher schmückendes Beiwerk.

Die geschäftlichen Aktivitäten kamen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts zum Erliegen und der italienische Familienzweig erlosch fast. Luigia, Heinrichs Schwiegertochter, hatte in zweiter Ehe Nobile Ignazio Vigoni geheiratet. Sie war von Heinrirch und Friederike als Erbin eingesetzt worden und so ging der Besitz in Loveno an die Familie Vigoni über. Giuseppe Vigoni, ein Sohn von Luigia, heiratete seine Cousine Catulla Mylius, die Tochter von Federico Enrico. Aus dieser Ehe ging Ignazio Vigoni junior hervor. Sein Interesse galt verschiedenen Gebieten wie der Gartenplanung und den schönen Künsten sowie der Botanik. Er trat dem Faschismus bei, teils auch aus Respekt für das Bündnis mit Deutschand, zu dem er eine enge Verbindung hatte. Nach dem 2. Weltkrieg gelang es ihm nicht, sich den neuen Gegebenheiten des Republikanischen Italien anzupassen und einen Platz für sich und die die eigene Familie zu finden. So war es eine große Überraschung, als man nach seinem Tod in seinem Testament las, dass der Besitz in Loveno an die Bundesrepublik Deutschland übergeben werden sollte mit der Bedingung, eine Institution zu schaffen, die sich auf Goethe und Mylius berufen sollte. So hatte Ignazio Vigoni am Ende seines Lebens doch den Wunsch, an Heinrichs Tradition anzuknüpfen. Meda schloss mit den Worten: „Heute, da wir die Krise des Europäischen Systems so deutlich spüren [...], müssen wir uns fragen, ob eine Vision, wie diejenige Heinrich Mylius‘ nicht ein Anhaltspunkt sein kann, wenn man ein neues, stabileres Europa bauen möchte.“

Die Musikwissenschaftlerin Frau Dr. Viola Usselmann sprach im Folgenden über „Die Mylius-Vigoni – eine deusch-italienische Familie und ihr musikalisches Erbe“. Diese Thematik war bisher wenig erforscht worden. So pflegte die Familie Mylius in Mailand eine enge Freundschaft zu der Beethoven-Interpretin Dorothea von Ertmann und über den Frankfurter Familienzweig auch mit der Familie Mendelssohn Bartholdy. Catulla Mylius-Vigoni, Ehefrau des früheren Mailänder Bürgermeisters Guiseppe Vigoni, war eine talentierte Pianistin und Organistin und stand in engem Kontakt mit verschiedenen berühmten Musikern ihrer Zeit. Eine bisher noch nicht vollständig ausgewertete und publizierte Korrespondenz des Paares mit Persönlichkeiten wie Arrigo Boito und Gaetano Braga berichtet von diesen und anderen Kontakten. Das umfangreiche Material des Archivs der Villa Vigoni ist Forschungsgrundlage und bietet die Möglichkeit, tiefer in die kulturellen und sozialen Aspekte des Zusammenspiels zwischen Wirtschaft und Kultur, Persönlichkeiten und Musik, Italien und Deutschland einzudringen und dabei das musikalische Erbe der Familie Mylius-Vigoni zu entdecken.

Danach gab Frau Dott.ssa Sala Vitale eine Einführung in die Ausstellung „Il bello, l’utile e l’onesto“ Goethe e Mylius in Italia / Das Schöne, das Nützliche und das Aufrichtige“. Goethe und Mylius in Italien“. Diese Ausstellung war am 2. Mai 2016 im Beisein der Bundesministerin für Kultur und Forschung Dr. Johanna Wanka und ihrer italienischen Amtskollegin Ministerin Stefanie Giannini anlässlich der Feierlichkeiten zum 30jährigen Bestehens des Vereins Villa Vigoni eröffnet worden http://villavigoni.it/newsletter/preview.php?nl_id=65. Eine kurze Einführung in die Ausstellung findet sich auf der Homepage der Villa Vigoni  http://www.villavigoni.it/page.php?sez_id=11&pag_id=79&lang_id=4

Im Laufe des Vormittags berichteten Maria Buchbach und ihr Bruder Hans-Georg Ebert über eine heute noch lebende Nachfahrin von Heinrichs Bruder Johann Jakob Mylius. Beatrice Mylius Lesca lebt heute in Ivrea, ca. 50 km nordöstlich von Turin entfernt. Während ihrer Kindheit weilte sie auch einige Zeit in Loveno. Leider konnte sie die Einladung als Ehrengast des Familientreffens auf Grund ihres hohen Alters nicht annehmen, und so statteten ihr Hans-Georg Ebert und seine Frau Gerlinde wenige Tage vor dem Treffen einen Besuch ab. Sie ist erfreulicherweise in guter geistiger und körperlicher Verfassung. Frau Lesca Mylius ist nach wie vor sehr aktiv, besucht regelmäßig die Innenstadt von Ivrea und kümmert sich um die Angelegenheiten ihres Anwesens.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachden Vortägen erhielten die Teilnehmer eine Führung durch den Park und konnten den „Tempietto“, das Tempelchen, das Heinrich und Friederike Mylius im Andenken an ihren früh verstorbenen Sohn Enrico hatten errichten lassen, besichtigen. Es ist künstlerisch ausgestaltet mit 2 Reliefs: Das eine stammt von Pompeo Marchesi und zeigt Giulio Mylius auf dem Sterbebett, der Abschied von seiner eben angetrauten Frau nimmt, das andere von Bertel Thorwaldsen zeigt die Nemesis auf ihrem Streitwagen mit einem ziehenden und einem sich bäumenden Ross: Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit.  Marchesi schuf auch die beiden Büsten von Vater und Sohn Mylius in Carrara Marmor.



Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Statuensaal wurden die Teilnehmer mit dem Bus zur Bootsanlegestelle in Menaggio gefahren und unternahmen eine ca. 2stündige Bootsfahrt auf dem Comer See. Frau Dott.ssa Sala vitale gab Erklärungen zu den Sehenswürdigkeiten am Ufer. Ein Halt in Bellagio bot Gelegenheit zum Geschäftebummel oder einer Tasse Kaffee, bevor die Rückfahrt nach Menaggio angetreten wurde.

Am Abendessen des 2. Oktober im Statuensaal der Villa nahm Vorstand des Golfclubs Menaggio Dr. Vittorio Roncoroni zusammen mit seiner Ehefrau teil. Er bereicherte den Abend mit einer Präsentation über diesen zweitältesten Golfclub Italiens, der von dem in England geborenen Henry John Mylius am 10. Januar 1907 mitgegründet worden war und dessen erster Präsident Henry John bis zu seinem Tod 1918 war. Dr. Roncorroni übergab dabei eine Kopie verschiedener Dokumente wie die Gründungsurkunde des Golfclubs und ein Protokoll der Hauptversammlung im Clubhaus vom 3. Mail 1909, das von Henry John selbst handschriftlich festgehalten und unterzeichnet ist. Herr Roncorroni hatte sich anlässlich des hundertjährigen Jubiläums 2007 eingehend mit der Geschichte des Golfclubs Menaggio befasst und ein Buch herausgegeben, in dem auch ein Kapitel der Familie Mylius am Comer See und speziell Henry John Mylius gewidmet ist.

  Henry John Mylius mit seinen Schwestern Evelyne rechts und Fanny links

Am Ende dieses unvergesslichen Familientreffens dankte Frau Dr. Mylius-Fauler allen denjenigen, die zum Gelingen beigetragen hatten, insbesondere Frau Dott.ssa Sala Viatale, die das gesamte Treffen organisiert und belgeitet hatte. Sie erhielt zum Dank eine Chronik der Familie Mylius von 1992 und übergab ihrerseits an Frau Dr. Mylius-Fauler einen Nachdruck des 1852-1853 erschienenen Werkes von Eduard Rüppel mit dem Titel: "Erklärende Notizen zu einer Reihenfolge bildlicher Darstellungen der Villa Mylius zu Loveno am Comer See und der benachbarten Gegend. Von einem vieljährige Freunde der Familie Mylius entworfen".

Die Teilnehmer des  Familientreffens waren am Ende durchweg begeistert und dankbar für die gelungene Veranstaltung. Das Interesse an weiteren Familientreffen ist groß, auch bei der jüngeren Generation und bei den erstmals teilnehmenden Verwandten. Es haben sich neue Kontakte und Freundschaften gebildet. Vor allem aber ist eine  Verbindung zu der für uns so bedeutenden  Villa Mylius-Vigoni und den Menschen, die dort mit großem Engagement in der Tradition von Heinrich Mylius tätig sind, entstanden. Wir hoffen und wünschen, dass dieser Kontakt auch ich Zukunft erhalten bleibt. 


 

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