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Feierlichkeiten zum 440. Todestag von Johannes Mylius in Liebenrode

 

Die Gemeinde Liebenrode im Südharz feierte am 27. Juni 2015 im Rahmen ihres Petrusfestes den 440. Todestag ihres berühmten Sohnes Johannes Mylius. Diesem war von Kaiser Maximilian II. für seine lateinischen Gedichte die Würde eines „kaiserlich gekrönten Dichters“ und ein besonderes Wappen, das Schwanenwappen, verliehen worden. (Siehe hierzu auch die Seite "Wappenhistorie" dieser Website.) Im Lauf der Jahrhunderte war er in Liebenrode in Vergessenheit geraten. Im Juni 2014 jedoch begann Andreas Köhler, der bald darauf den Geschichtszirkel Liebenrode gründete, mit der Spurensuche und trug innerhalb eines Jahres eine Fülle von Material zusammen, das unser Bild des Dichters und Philosophen, der im 16. Jahrhundert weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt war, vervollständigt und korrigiert.

Dieses Material war die Grundlage für eine Ausstellung in der denkmalgeschützen St. Petruskirche über Johannes Mylius und seine Zeit, die am 27. Juli 2015 mit mehreren Vorträgen zu diesem Thema im Rahmen des Petrusfestes feierlich eröffnet wurde.

Das Programm begann mit einer Morgenandacht gehalten von Frau Pfarrerin Wegner. Danach gab Andreas Köhler vom Geschichtszirkel Liebenrode eine Einführung in das Thema „Mylius und Liebenrode“ mit den bisher bekannten biographischen Daten aus seinem Leben. Anschließend sprach Manfred Machlitt über den Werdegang von Johannes Mylius und stellte ihn in den größeren Zusammenhang der Reformation und des Humanismus in der Region Südharz mit der Klosterschule Ilfeld, an der der berühmte Gelehrte Michael Neander nicht nur Johannes Mylius, sondern wahrscheinlich auch zwei seiner Brüder und zahlreiche später bedeutende Gelehrte unterrichtete, wie den Namensvetter von Johannes Mylius, der aus der Familie Mylius aus Gernrode stammt.

 

Ein Vortrag der Minsker Professorin Dr. Zhanna Nekrashevic-Karotkaja, die mit Mann und Sohn angereist war, beschäftigte sich mit dem Thema: „Johann Mylius aus Liebenrode als Vertreter der humanistischen Renaissancekultur und sein Beitrag zur Literatur des Großfürstentums Litauen“. Sie stellte seine Werke – es handelt sich um in lateinischer Sprache verfasste Gedichte – plastisch vor und beleuchtete die damals schon existierende europäische Kultur- und Wertegemeinschaft, die durch die gemeinsam gesprochene lateinische Sprache erst möglich wurde. Frau Nekrashevic-Karotkaja hat sich in ihrer Habilitationsschrift mit der lateinischsprachigen Dichtung in Weißrussland im 16. und 17. Jahrhundert befasst, u.a. mit Johannes Mylius, der 1562-1564 Hofdichter und Erzieher der Fürstensöhne in Litauen war. Im Anschluss an die Vorträge fand eine Podiumsdiskussion statt, die von Herrn Pfarrer Wegner, Superintendent in Altenburg, geleitet wurde. - Als Vertreter der Familie Mylius Schleiz waren Ulrike Mylius-Fauler mit ihrem Ehemann Joachim Fauler und Martin Möllhoff-Mylius zu den Feierlichkeiten eingeladen und übergaben zum Dank der Gemeinde ein Exemplar der Chronik der Familie Mylius-Schleiz von 1992.

 

Das historische Pfarrhaus neben der Kirche, in dem Johannes Mylius ca. 1535 geboren wurde, hat zwar bis heute einige Veränderungen erfahren, aber die Anlage blieb erhalten und zur Erneuerung verwendete man großenteils das vorhandene Material wieder. Johannes' Vater Valentin Mylius war bis 1545 Pfarrer in Liebenrode, anschließend in Kelbra, wo er die erste evangelische Predigt gehalten haben soll.

Bei der denkmalgeschützten alten Petruskirche befindet sich der Kirchturm in der Mitte platziert, was durch einen Anbau im 13. Jahrhundert bedingt ist. An den früheren Charakter der Anlage als Kirchenburg erinnert neben der hohen Mauer, die den ehemaligen Kirchhof umgab, der wuchtige Torbau. Johannes Mylius wurde höchstwahrscheinlich in dieser Kirche getauft.

 

 

Ein Höhepunkt der Ehrungen war die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel an der Kirchhofsmauer durch Frau Prof. Nekrashevic-Karotkaja und Andreas Köhler. Sie soll später ergänzt werden durch eine Tafel, auf der weitere Informationen zu Johannes Mylius zu lesen sein werden.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
Lebenslauf von Johannes Mylius
(nach Andreas Köhler und Manfred Machlitt vom Geschichtskreis Liebenrode)

Um 1535
Johannes Mylius wird in Liebenrode als Sohn des Pfarrers Valentin Möller (Mylius) und seiner Frau Anna (geb. Sachs) geboren. Die Kirche St. Petrus ist mit hoher Wahrscheinlichkeit seine Taufkirche. Ein genaues Geburtsjahr ist nicht überliefert. Liebenrode besteht zu dieser Zeit aus etwa 40 Häusern, einem Rittergut und dem Pfarrhof. Es gehört zum benachbarten Amt Klettenberg der (noch) katholischen Grafen von Hohnstein. Religiöses Zentrum der Grafschaft ist das im Bauernkrieg arg geplünderte Kloster Walkenried.

1545
Valentin Möller wird evangelischer Hauptpfarrer in Kelbra, wo Graf Günther XL. von Schwarzburg-Sondershausen seit 1541, nach dem Reichstag in Regensburg, die Reformation schrittweise in seiner Grafschaft einführt. Wahrscheinlich erhält Johannes Mylius in Kelbra den ersten elementaren
Schulunterricht

1546/47
Thomas Stange, der letzte Abt des Prämonstratenser-Klosters Ilfeld, tritt zum evangelischen Glauben über und gründet mit Genehmigung der Grafen von Stolberg eine Klosterschule, in der begabte Jungen der Grafschaften Hohnstein, Stolberg und Schwarzburg-Sondershausen auf ein Universitätsstudium vorbereitet werden.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Kloster Ilfeld
 
 
1550
Da der Unterricht an der Klosterschule Ilfeld in den ersten 4 Jahren unter den ehemaligen Mönchen Marold und Baltrius sehr nachlässig ausfiel, holt Abt Thomas Stange den bedeutenden Gelehrten, Pädagogen und vielseitigen Autoren Michael Neander von der Lateinschule Nordhausen nach Ilfeld. Neander war in Wittenberg Schüler von Martin Luther und Philipp Melanchthon. Er setzt in Ilfeld beispielhaft die Bildungsideale des Renaissance-Humanismus und der Reformation um. Johannes Mylius ist unter den ersten 10 - 12 Schülern Neanders. Im Mittelpunkt des Unterrichts stehen Latein, Griechisch, Hebräisch und Religion. Aber auch Naturkunde, Rechnen, Musik, Geschichte und Geographie lehrt Neander. Die Klosterschule Ilfeld hat bald einen solchen Ruf, dass selbst Schüler aus dem Baltikum, den Niederlanden,aus Schweden, Polen, Ungarn und Siebenbürgen kommen.
 
 
 
 
 
  Michael Neander
 
 
1556
In der Grafschaft Hohnstein wird die Reformation eingeführt. Johannes Mylius hat inzwischen die Klosterschule Ilfeld beendet und immatrikuliert sich mit einigen anderen Studenten aus dem Südharz an der Universität Leipzig, wo zu dieser Zeit der Humanist, Dichter und Universalgelehrte Joachim Camerarius lehrt. Camerarius schreibt später ein Geleitwort zu Mylius‘ Hauptwerk „Poemata“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Joachim Camerarius
 
1557
Nach dem Vorbild der Klosterschulen Ilfeld und Schulpforta wird auch in Walkenried eine Klosterschule gegründet. Rektor wird der einstige Mitschüler und Namensvetter, Johannes Mylius aus Gernrode (1533 – 1584), der in Zukunft immer wieder mit dem Liebenröder Mylius verwechselt wird. Auch die Walkenrieder Gelehrtenschule genießt bald einen ausgezeichneten Ruf.
 
1560-1562
Mylius hält sich in Krakau auf, zu dieser Zeit ein wichtiges geistig-kulturelles Zentrum des Renaissance-Humanismus, Sitz der zweitältesten mitteleuropäischen Universität. Er hat offenbar auch Kontakt zum polnischen Regenten Sigismund II. August, dem er Gedichte widmet. Bei Krakauer Druckern erscheinen mehrere seiner früheren Werke. In Kelbra sterben beide Eltern des Dichters innerhalb einer Woche.
 
 
 
 
  Sigismund II
 
 
1563-1564
Johannes Mylius ist Hofdichter und Erzieher der Söhne des Fürsten Gregor Chodkiewicze in Vilnius (Wilna), der Hauptstadt des mit Polen in Personalunion regierten Großfürstentums Litauen, das damals bis ans Schwarze Meer reicht. Chodkiewicze ist zu dieser Zeit Stadtoberhaupt von Vilnius und Oberbefehlshaber der Litauischen Armee im Kampf gegen den russischen Großfürsten Ivan den Schrecklichen. Er ist Autor militärischer Abhandlungen, gibt aber auch altslawische Kirchenschriften heraus. Mylius widmet ihm mehrere Huldigungsgedichte. Den Söhnen Alexander und Andrej gibt er Anleitungen zur Dichtkunst, veröffentlicht einige Texte mit ihnen gemeinsam.
 
 
 
 
 
  Gregor Chodkiewicze
 
1564
Im Römischen Reich Deutscher Nation tritt der vielseitig gebildete Kaiser Maximilian II. die Regierung an (bis 1576). Er sympathisiert mit der Reformation, holt viele humanistische Gelehrte an seinen Hof, bleibt aber aus Staatsräson Katholik. In Bayern siegt die Gegenreformation.

1565
Johannes Mylius hält sich in Wien am Hof Kaiser Maximilan II. auf und wird von ihm als “poeta laureatus” ausgezeichnet. Der Kaiser erhebt ihn in den erblichen Adelsstand, verleiht ihm das Schwanenwappen und einen goldenen Ring. Mylius bedankt sich mit einem Huldigungsgedicht. In Wien macht Mylius Bekanntschaft mit dem kaiserlichen Rat, bedeutenden Arzt, Gelehrten und Dichter Johannes Sambucus. Auch er verfasst ein Geleitwort zur “Poemata”, dem Hauptwerk von Mylius.
 
 
 
  Maximilian II
 
1567
Johannes Mylius immatrikuliert sich an der Universität Wittenberg

1568
Beim Drucker Jakob Apel in Leipzig erscheint die wichtige Sammlung seiner Dichtungen: “Poemata”. Sie umfasst mehr als 560 Seiten. Mylius immatrikuliert sich an der 1557 gegründeten protestantischen Universität Jena. Er liest in Jena öffentlich den Homer. Noch 1568 promoviert er zum Doktor für Zivil- und Kirchenrecht und wird zum außerordentlichen Professor der griechischen Sprache ernannt.

1573
Ernennung zum Ordentlichen Professor für griechische Sprache. In die Jenaer Jahre fällt wohl auch die Hochzeit mit Catharina Monner, der Tochter des Rechtsgelehrten Basilius Monner (1500 - 1566). Monner, ein leidenschaftlicher Luther-Anhänger, war Rat des Herzogs Johann Friedrich von Sachsen, Erzieher seiner Söhne und Verhandlungsführer der Protestanten bei den 2. Wormser Religionsgesprächen (1557). 1557/1558 leitete er die Jenaer Universität.

1575
Am 3. Juli stirbt Johannes Mylius in Jena. Die Ehe mit Catharina Monner blieb wohl kinderlos
 
 
 Gedicht von Johannes Mylius über das vom Kaiser verliehene Wappen
 

Florida  ceu redolent ex ima lilia valle
Colliculos inter spinigerumque nemus;
Vivida sic virtus ex imo surgit in altum,
Tollit et assiduo dulce labore caput.
Suavis odor florum, grati virtutis amores,
Constantem Aonius perpolit  arte liquor.
Juncta manus Charitum doctorum foedere mentes
Vincit et aeternas jungit  amicitias.
Albus olor cantans innoxia  carmina fundit,
Candidus et vates  candida scripta parit.
Caesaris imposuit volucri sacra  dextra  coronam,
Dulce solet regum  Musa favore loqui.
Lumine  sidereo volitans circumdatur ales,
Coelitus ingenium fautor et autor alit

(Lateinisches Original)

Wie aus dem tiefen Tal die blühenden Lilien duften
Zwischen den Hügeln  gesprosst und in dem dornigen Wald,
So ergrünet die Tugend  aufsteigend von unten zur Höhe,
Hebt in getreuem Dienst  wirkend das liebliche  Haupt.
Süßer Duft der Blumen  und der Hymettische Honig
Schmücket kunstreich den Mann,  gibt ihm den Zauber des Werts.
Fest  verbinden die Hände  der Huldgöttinnen Gelehrte,
Schlingen zu ewigem Bund Bande  der Freundschaft um sie.
Singend  bietet  der Schwan, der weiße, unschuldige Lieder,
Reines bringt, wie er selbst  rein ist, der Sänger hervor.
Goldene Krone verlieh  dem Vogel die Rechte des Kaisers,
Singt  doch die Muse so gern unter der Könige Gunst.
Himmlisches Licht umgibt  die ausgebreiteten Flügel,
Himmelan hebt ja der Geist Gönner  und Dichter zugleich.

(Deutsche Übersetzung)

 

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