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„...Antiquum et celebre in Germania nomen Myliorum est.“

 

Der Ursprung der Familie Mylius – Schleiz

 

Der so selten wirkende Name Mylius tritt an vielen Orten in bürgerlichen und geadelten Geschlechtern auf, die in keiner durch Abstammung miteinander begründeten Beziehung stehen. (1) Zur Klärung der Frage nach dem Ursprung der Familie Mylius, die zur Unterscheidung anderer gleichnamiger Familien die ortsbezogene Herkunftsbezeichnung „Schleiz“ führt, muss zunächst auf die familienhistorische Überlieferung verwiesen werden.

Die erste Fassung der Familiengeschichte Mylius erfolgte durch den Magister der Philosophie und Kgl. Dänischen Justizrat Peter Benzon Mylius (1689-1745). Bereits 1711 legte er,  der in seiner Jugend die Möglichkeit hatte, ausgedehnte Forschungsreisen in die deutschen Länder zu unternehmen, unter dem Titel „Genealogia Myliana“ die ersten Daten über die Familie nieder. 1717 erschien eine ebenfalls von ihm herausgegebene erweiterte Ausgabe von 73 Seiten, die er seinem Verwandten, dem königlich-polnisch und kurfürstlich-sächsischen Appellationsgerichtsrat Dr. Johann Heinrich Mylius, übergab. Diese Familiengeschichte wurde betitelt als "Origines Mylianae" oder "Kurze Nachricht von der Myliusischen Familie".

Nach weiteren intensiven und über Jahre hinaus gehenden Forschungen durch den Bibliothekar Mag. Johann Christoph Mylius verfasste dieser zur Geschichte der verschiedenen Familien Mylius, die „Historia Myliana vel de variis Myliorum Familiis, earum ortu et progressu etc.“, die in Jena in drei Teilen 1751/52 verlegt wurde.

 Als Stammvater der Familie wurde sowohl in den „Origines Mylianae“ als auch später in der „Historia Myliana Tractatio praeliminaris und S. 1, 2 und pars 1, Sektion 1“ „David Möller auch David Gerung“ genannt, der „reiche Möller“, dessen Existenz insoweit schwer nachzuweisen ist, weil zum einen die Überlieferung mündlich tradiert, zum anderen das wohl seinerzeit verwendete genealogische Quellenmaterial heute nicht mehr verfügbar ist.

Peter Benzon Mylius schrieb anlässlich der Übergabe seines Werkes an vorgenannten Johann Heinrich Mylius, dass das Werk nicht vollständig ausgearbeitet sei, „denn der Mangel weiterer Notizen" von der Familie habe dies gänzlich verboten. Darüber hinaus führt er in Bezug auf David Gerung aus:

"David Möller ist der Stammvater unserer ganzen Familie, hat im 14. Seculo nach der Geburt Christi gelebt und die Davidsmühle zu Schleiz von lauter Stein aufführen lassen und daselbst gewohnt. Mag also wohl ein reicher Mann gewesen sein, wird ein großes Geld auf diese Mühle, davon er zweifelsohne den Namen Möller bekommen. Ich befinde, daß die Mylii anfangs Gering benamet worden wie Magister Dr. Kaspar Zeumer in vitis profes. jenensium 1711 bezeuget pag. 98. (2) Ob aber Hans Gering zuerst den Namen Müller von seinem Handwerk bekommen, wird von verehrtem Herrn Zeumer nicht wohl können bewiesen werden. Wahrscheinlicher ist es, daß Hans Gering den Zunamen Müller von seinem Vater David Möller vid. supra ererbt. David Möller aber, der sonsten mag wohl den Zunamen Gering getragen haben. .... Wie seine Eltern und Ehefrau geheißen, ist mir unbewußt. Mit seiner lieben Hausfrau, deren Namen wie gemeldet, bis dato unbenannt, hat er fünf Söhne gezeuget, nämlich 1. Balthasar Möller vide pag. 2, 2. Martinus Möller vide pag. 10, 3. Hans Möller vide pag. 13, 4. Matthäus Möller vide pag. 20, 5. Andreas Möller vide pag. 24."

Auch der Verfasser der „Historia Myliana“ ging davon aus, dass David Gerung im 14. Jahrhundert – nach unserer heutigen Annahme  wohl im Zeitraum zwischen ca. 1375 bis ca. 1420/1430 – lebte. Über den Stammvater David Möller schreibt Johann Christoph Mylius in „Pars I Sect. I Myliorum vel Myliorum ex variscia oriunda § 1 David Möller:

„A.  David Moeller (3) plerumque Davids Müller dictus, stirps variarum familiarum Mylianarum fuisse dicitur; vixit antem Saeculo XIV. post Christum natum, et molam Davidicam (die noch heut zu Tage so genannte David-Mühle) in urbe Schleitza ex meris lapidibus extruendam curasse, atque eam in habitasse dicitur (4) .... Fuit sine dubio vir dives et locuples, quia magna certe pecuniae summa in extruendem molam Davidicam Schlaitzensem impensa est, et ab hac mola sine dubio nomen Moeller accepit, antea fortisan aliud familiae nomen gerens. Quinam parentes et coniux huius Davidis Moelleri fuerint, non constat. Cum coniuge antem sua (5) 5 filios genuisse dicitur Balthasarem,  Martinum, Johannes vel Hans,    Matthaeum,  Andream Moellerum.“

Vergleicht man diesen Text mit dem in der „Origines Mylianae“, so ist die Aussage in beiden Arbeiten in Bezug auf den alten David Gerung identisch. Der Autor betont in einer Anmerkung, dass dieses die älteste Fundstelle sei - „ante illius tempora nihil certi de antiquiore quodam familiarum Mylianarum“. Die Historia Myliana überliefert zudem in Teil I., S. 18, dass David Gerung fünf Söhne gehabt habe – Balthasar, Martin, Johannes (Hans) Matthaeus und Andreas – und vermerkt zugleich in Anmerkung b): „... andere geben an, dass David Moeller drei Söhne gehabt haben soll, von denen der älteste ‚consilarius aulicus caesareus‘, der andere ‚minister aulicus in aula quadam Saxonica‘ und der jüngste Sohn auf der Mühle geblieben sei, die einem Rittergute gleichgestellt gewesen sei.“

Zwischenzeitliche Forschungen haben ergeben, dass die erwähnten fünf Söhne als die Urenkel des David Gerung anzusehen sind. Darüber hinaus haben genealogisch interessierte Familienmitglieder vornehmlich im ausgehenden 19. Jh. versucht, die Davids-Mühle in Schleiz näher zu bestimmen, deren Existenz jedoch von dem seinerzeitigen Archivar und Bibliothekar des Fürstlichen Hausarchivs, dem Geheimen Archivrat Dr. Berthold Schmidt (1856-1929) negiert wurde.

Die Einnahmen einer Getreidemühle werden hingegen nicht (allein) zu dem Adjektiv „dives“ - also „reich“ geführt haben, mit dem David Gerung der Überlieferung zufolge bezeichnet wurde. Wenn der Verfasser der Historia Myliana (Teil I S. 17/18) in diesem Zusammenhang aber ausdrücklich betont, dass beim Bau der Mühle viel Geld verwendet wurde, liegt –  gerade unter dem Aspekt der vorangegangenen Ostkolonisation, der in diesem Zusammenhang stehenden Organisation der Siedlungen durch Lokatoren (6) und des einhergehenden Landesausbaus – die Vermutung nahe, in David Gerung einen Abkömmling des Würzburger Ministerialengeschlechtes Gerungus Dives zu sehen, dessen Vermögen durch Eltern bzw. Voreltern überkommen war. (7)

Im Spannungsfeld der spät-mittelalterlichen Agrarkrise (1350-1470), zwischen schwindender Bevölkerungsanzahl und langfristiger Reduzierung der Getreidepreise, kann jedoch über die finanziellen Verhältnisse der Nachkommen des David Gerung – des reichen Müller – vorsichtig versucht werden, Rückschlüsse auf die Vermögensverhältnisse des Ahnherrn zu ziehen. Letztlich ließen auch die damaligen nachweisbaren Erbteilungen in der Kinder-,  Enkel und Urenkel- Generation das Vermögen erheblich zusammenschrumpfen. Gleichwohl verleiht aber z.B. noch Pfarrer Caspar Mylius (geb. Neukirchen bei Crimmitschau um 1515/1520, verst. Thurm bei Glauchau 18.2.1591) dem Zwickauer Rat mehrfach Geld und zwar: 1569 je für ein halbes Jahr 400 Gulden und 800 Gulden, 1572: 800 Gulden, 1583: 1.000 Gulden  zu einem Zins von 5%. Auch streckt er am 23. Mai 1573 einem Amtsbruder, dem Pfarrer Johann Wagner zu Auerbach, die Summe von 50 Gulden vor.

In einer Zeit, in der eine Namensfestlegung im heutigen Sinn noch nicht denkbar war, hatte die Namensführung die Aufgabe, einen bestimmten Menschen eindeutig zu kennzeichnen. Möglich war dies in der Zeit nach Gerungus Dives eben nur durch ständige Wiederholungen „der Reiche Möller, bzw. Müller“ und mit diesem Wissen beginnt auch die genealogische Geschichtsschreibung ihre Charakterisierung der Frühzeit dieses Geschlechts.  Bedingt durch den Humanismus im Reformationszeitalter gingen immer mehr Familien – die in diesem geisteswissenschaftlichen Prozess eine mittragende Rolle hatten – dazu über, ihre Zugehörigkeit zur Bildungsschicht durch eine Annäherung an humanistische Berufs- und Herkunftsnamen zu dokumentieren. Bei der hier zur Diskussion stehenden Familie Mylius wurden in der Folgezeit mehrere Generationen evangelische Geistliche. Seit dieser Zeit führten die dann hauptsächlich in akademischen Berufen nachweisbaren  Mitglieder der Familie den Namen Mylius fortlaufend. Gleichwohl wurde der alte Geschlechtsname Gerung auch hier nicht verdrängt, sondern als „Mylius gen. Gerung/Gering“ teilweise weitergeführt. Zusammenfassend ist somit eine geschlossene Linie festzustellen, die mit dem Leitnamen Gerung/Gering beginnt, der dann zum Geschlechtsnamen wird. Im weiteren Verlauf wandelt sich die Familienbezeichnung bedingt durch die entsprechenden Eigentumsverhältnisse (Mühlenbesitzungen) zu Müller bzw. Moller; ab dem 16. Jahrhundert setzt sich die teilgraecicierte Form Mylius durch. 

 

Fußnoten:

(1)   Hier sind zu nennen die Familien der Freiherren v. Mylius (Köln), die Mylius aus Wetter, Cottbus, Gernrode, Nordhausen, Suhl, Salzwedel, Meissen, Arnstadt sowie nicht näher zuzuordnende Namensträger.

(2)   Siehe hierzu die Ausführungen von Johann Caspar Zeumer über den Theologen Georgius Mylius, in: M. Io. Casparis Zevmeri Glavchensis Misnici Vitae Professorvm Theologiae Ivrisprvdentiae Medicinae Et Philosophiae Qvi In Illvstri Academia Ienensi Ab Ipsivs Fvndatione Ad Nostra Vsqve Tempora Vixervnt Et Adhvc Vivvnt : Vna Cvm Scriptis A Qvolibet Editis Qvatvor Classibvs Recensitae, No. XXIV, S. 89-104, Jena 1711 (http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10071299-5).

(3)   Hic antiquissimus est maiorum, qui hucusque ex Familiis Mylianis... et ante illius tempora nihil certi de antiquiore quodam Familiarum Mylianarum conditore mihi innotuit.

(4)   a)  Quidam tradunt Davidem Moellercum etiam inhabitasse Molam die Greiffenmühle dictam, non procul a Crimmitzschau inter urbem Altenburgum u. Werdam sitam.

(5)   b) Alii referunt, hune Davidem Moellerum tres habuisse filios, inter quos natu maximus fuisset Consiliarius aulicus Caesareus, alter minister aulicus in aula quadam Saxonica, natu minimum autem filium mansisse in mola, die Greiffenmühle dicta, quae mola praedio equestri (einem Ritter-Guthe) aequiparatur. Consiliarius aulicus Caesareus ab imperatore pro se et posteris suis cum insigni paculiari (mit einem besonderen Familien-Wappen) donatus, et quia a molitore descendit, graeco nomine Mylii, quod idem significat ac Moeller, a graeca voce gr. mylas, mola, vocatus dicitur.  

(6)   Siehe hierzu Friedrich-Wilhelm Henning, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland, Bd. 1, 800-1750, Paderborn, München, Wien, Zürich 1979, S. 124: „Die Lokatoren, Mühlenbesitzer usw. bildeten eine Mittelschicht. Dabei hatten die Lokatoren die Möglichkeit, in den folgenden Jahrzehnten und insbesondere ab der Mitte des 14. Jahrhunderts ihre herrschaftliche Stellung auf dem Lande auszubauen und damit die wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen für einen Aufstieg in den Adel zu schaffen.“

(7)   Im Rahmen der Urkundenlage mag sowohl vor dem Hintergrund der ständischen Entwicklung als auch der territorialen Ausdehnung in dem 1428 in den Urkunden Kaiser Sigmunds ursprünglich erwähnten Reichslehen des Nickel Gerung ein Verbindungsglied zu David Gerung, gen. der reiche Müller zu sehen sein. Siehe hierzu: Wilhelm Altmann, Die Urkunden Kaiser Sigmunds (1410-1437, 1. Lieferung (= Reg. imp. XI) Innsbruck 189, S. 69, Nr. 7018: „Kaiser Sigmund verleiht seinem Diener Niklas Schlick zu Wunsiedel ein Reichslehen mit 4 Höfen und der Herberge zu Unternieder-Waltersgrün, welches Reichslehn Fritz Schedner von Nickel Gerung gekauft und lange besessen, ohne um die Belehnung damit nachgesucht zu haben.“

 

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